Mit schöner Regelmäßigkeit begegnet man Anhängern der Vorstellung, daß alles, was Menschen tun oder auch nicht, mit unergründeten dunklen Geheimnissen erklärt werden muss. Diese populärwissenschaftliche Vorstellung geht wohl auf Siegmund Freud zurück, den ich an dieser Stelle mal richtigstellend so zitieren möchte: "Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre."
Da das aber schrecklich unspektakulär ist, und die Leute doch viel lieber überall schmutzige kleine Geheimnisse wittern, die dann ans Licht gezerrt gehören, stellt man mir dann zum Beispiel solche Fragen wie: "Wovor läufst Du denn weg?" Dabei wird mitleidig, aber auch ein bisserl verächtlich geguckt, denn jemand, der weiter als bis zur nächsten Haltestelle läuft, und das auch noch freiwillig, der muss doch eine furchtbar stinkende Leiche im Keller haben und es - man kennt das ja aus der Bild - wahrscheinlich jede Nacht mit ihr treiben!
Allen diesen Hobby-Tiefenpsychologen sei an dieser Stelle mal gesagt, daß ebenfalls sehr tief (sic!) blicken lässt, dass einfach mal vorausgesetzt wird, daß der Laufende
vor etwas weg läuft. Einem normalen™ Hirne sollte doch eher die Assoziation entspringen, daß man
zu etwas hinlaufen würde? Nicht? Aber denkt natürlich keiner, der die Hälfte seiner Kindheit in dunklen Kellern verbracht hat, was?
Fast schon unverschämt wirkten die Vorwürfe, die die Öffentlichkeit der Birthler-Behörde macht, deren gleichnamige Anführerin sich dieser Tage auf D-Radio gegen ebendiese verteidigte. Ganz energisch forderte sie, also die Frau Birthler, da einen "Moment mal", um klarzustellen, daß ihr Laden keineswegs versagt habe bei der Aufarbeitung und Veröffentlichung von Bedeutsamkeiten aus den gehüteten Stasi-Akten. Stein des Anstoßes war die Tatsache, daß der nach Horst Schimanski vermutlich bedeutendste deutsche Polizist, also der, der Benno Ohnesorg eine Kugel in den Kopf gejagt hatte (Karl-Heinz K.), sich kürzlich mehr oder weniger zufällig als Stasi-Spitzel entpuppte. Daß der Spiegel daraus direkt wieder eine Verschwörungstheorie stricken musste, die der von "Ekel" Alfred Tetzlaff, Ulbricht sei ein amerikanischer Spion gewesen, kaum nachsteht, soll hier gar nicht weiter diskutiert werden.
Vielmehr soll sich virtuell an den Kopf gefasst werden, angesichts der Kirche-im-Dorf-lassenden Klarstellung von Frau Birthler, die Akte sei durchaus und wie es sich gehörte "öffentlich" gewesen. Ein jeder, so betonte die oberste Stasi-Aktenordnerin, hätte jederzeit Zugang zur Akte bekommen, er hätte bloß nach der betreffenden Akte fragen müssen. Ja, ganz recht, da gibt’s nix zu verstehen. Hinz und Kunz hätten nur mit oder auch (!) ohne Kreti und Pleti, Hänsel und Gretel und werweißnochwem einfach mal da anrufen, faxen, mailen oder womöglich auch nur laut rülpsen müssen, daß eben die Akte mit dem Namen "K-H. K." gewünscht werde - und SCHWUPPS! hätten sie (Hinz und Kunz), eh sie sich versehen hätten, auch schon die Akte in Händen gehalten!
Wirklich unglaublich haltlos also die Vorwürfe über mangelnde Veröffentlichung. Lag doch die Stecknadel die ganze Zeit für jedermann frei zugänglich im Heuhaufen!
Selten habe ich ein Wort gehört, dessen semantische Bedeutung so stark vom gestelzten Klang des Wortes abweicht.
Mit "Songs made in Germany", also Liedern, die in Deutschland hergestellt wurden, gratuliert der örtliche Radiosender dem Staat zum Geburtstag. Grund ist die Gründung qua Inkrafttreten des Grundgesetzes. Einheitliches Merkmal der "Songs" ist, daß sie im Gegensatz zur eigenen Bezeichnung im Gewand der deutschen Sprache daherkommen. Deutsche Lieder, wie das mit der deutschen Einheit in Verbindung gebrachte "Wind of Change" von den "Scorpions" aus Hannover dürfen also wohl nicht mitspielen. Vermutlich wegen "Negermusik" oder so.
Besonders passend auch der aktuelle Titel "Hier kommt Alex" von den Toten Hosen aus Düsseldorf. "In einer Welt in der man nur noch lebt / damit man täglich robotten geht / ist die größte Aufregung, die es noch gibt / das allabendliche Fernsehbild..." - herzlichen Glückwunsch, Deutschland. Und im nächsten lichten Moment fällt dem Musikredakteur dann noch die gute alte Scheibe der Hamburger Band "Slime" erst in die Hände und dann schnurstracks auf den Plattenteller: "Deutschland muss sterben!"
Unter den Informationen zum an Ostern unvermeidlichen blutgeilen Splatterstreifen "Die Passion Christi": Weitere TV-Highlights aus dieser Kategorie:"Mein Leben - Marcel Reich-Ranicki". Dann doch lieber Eier suchen!